Der Pascha aus Magdeburg, geboren 1827 als Ludwig Carl Freidrich Detroit ist unser Titelheld. Warum? In seinem Lebenslauf spiegeln sich viele Dinge wieder, die wir in der heutigen Zeit diskutieren: Migration, Religion, Ankommen, Fortgehen, Heimat und Fremde.

Als französisch-deutschsprachiger Magdeburger stieg Ludwig Carl Friedrich in Konstantinopel rasch zum Pascha auf, nunmehr unter seinem muslimischen Namen Mehmed Ali. Dieser besondere Magdeburger liegt uns besonders am Herzen, weil er auch dichtete, weil seine Nachfahren berühmte Dichter, Wissenschaftler und Politiker wurden und weil er heute immer noch Thema ist in Albanien, im Kosovo, in der Türkei und natürlich auch bei uns in Mitteldeutschland.

 

Mehmed Ali Pascha

Ein Osmane aus Magdeburg: Mehmed Ali Pascha

Etliche hohe Armeeführer des Osmanischen Reiches waren gebürtige Mitteleuropäer: Der Oberkommandierende der osmanischen Donau-Armee zum Beispiel, Ömer Pascha, stammte aus dem Habsburgischen und auch sein Ordonanzoffizier während des Krimkrieges 1853-56, Mehmed Ali Pascha, war kein echter Osmane – er stammte aus Magdeburg, wenn auch einige Autoren Brandenburg als Geburtsort geben, einer Verwechslung von Anfang des 20. Jahrhunderts folgend.

Mehmed Ali Pascha, geboren am 18. November 1827 als Ludwig Carl Friedrich Détroit in Magdeburg war hugenottischer Abstammung. Seine Mutter verstarb früh und auch sein Vater folgte ihr völlig verarmt in die Ewigkeit, woraufhin Ludwig Carl und seine kleine Schwester Rosalie in ein Waisenhaus in Magdeburg gegeben wurden. Nach dem Besuch der Grundschule wechselte Ludwig Carl Friedrich Détroit auf das Pädagogium Unser Lieben Frauen zu Magdeburg. In der Tertia (vor der "mittleren Reife") bzw. während der Ober-Secunda brach er die Schule ab. Allerdings wird schon im Jahrbuch des Pädagogiums von 1830 ein Friedrich Detroit in der Ober-Secunda geführt. Mit drei Jahren war dies sicher nicht „unser Pascha“; und wenn doch (gemäß Jahrbuch ist er 1828 bereits in der Unter-Secunda), dürften seine Geburtsdaten zu revidieren sein. Er wurde dann zur kaufmännischen Lehre bei einem Kaufmann Köpke gegeben. Doch die Aussicht auf eine Kariere hinterm Ladentisch schien ihm nicht sehr verlockend gewesen zu sein: Durch die Bekanntschaft mit dem Sohn eines Buchhändlers vom Hasselbachplatz mit Nautica, Atlanten und Reiseliteratur bestens vertraut, verließ er mit knapp 13 bis 15 Jahren Anfang der 1840er Jahre heimlich seine Heimatstadt, schlug sich bis nach Hamburg (bzw. an die „mecklenburgische Küste“) durch und heuerte auf einer Rostocker Brigg als Schiffsjunge an. Der Weg führte zum Kohle-Löschen nach Newcastle und weiter ins Mittelmeer. Im Hafen von Konstantinopel soll er mit einem kühnen Sprung ins Wasser vom Schiff desertiert sein, wogegen andere Stimmen berichten er sei ins Wasser gefallen. Wie dem auch sei, zufällig wurde er durch Mehmed Emin Ali Pascha, den späteren Großwesir und Außenminister des Osmanischen Reiches, gerettet, der auch bis zu seinem Tode 1871 sein Gönner blieb. Ludwig Carl Détroit konvertierte zum Islam; ein Umstand, der beinahe zu einem Politikum geriet, da die preußische Gesandtschaft für den Deutschen Bund offiziell bei der osmanischen Regierung protestierte. Durch seinen Mentor wurde Mehmed Ali 1846 an einer Kadettenschule angenommen und konnte dort seine Ausbildung 1853 abschließen. Noch im selben Jahr wurde er im Rang eines "Seconde-Lieutenants" von der osmanischen Armee übernommen.

Während des Krimkrieges fiel Mehmed Ali dem Oberkommandierenden der Donauarmee Omar (Ömer) Pascha auf, dies wohl nicht zuletzt weil auch sein Gönner zu dieser Zeit bereits Außenminister war. Er wurde zum Ordonnanzoffizier von Ömer Pascha ernannt und bei Kriegsende hatte Mehmed Ali den Rang eines Majors inne. Im Stab von Ömer Pascha nahm Mehmed Ali an verschiedenen Kriegen teil: Montenegro (1861), Kreta (1867) u.v.m. 1865 avancierte er zum Brigadegeneral und Pascha und wurde 1871, nach Mehmed Emin Ali Paschas Tod, ins Rhodopen-Gebirge versetzt, um Unruhen zu unterdrücken. Zwischen 1875 und 1876 war Mehmed Ali in Bosnien stationiert, war aber dort militärisch nicht sehr erfolgreich. Als Nachfolger von Abdul Kerim wurde Mehmed Ali am 18. Juli 1877 zum Muschir (Marschall) ernannt. Als solcher hatte er den Oberbefehl der osmanischen Armee in Bulgarien inne. Nach dem Fall von Plewen wurde Mehmed Ali mit Wirkung vom 9. Januar 1878 Oberbefehlshaber einer Heimatarmee, welche er zum Schutz Konstantinopels aufgestellt hatte. Am 3. März 1878 traf er mit dem Großfürsten Nikolaus aus Russland zu Friedensverhandlungen in San Stefano zusammen, wo ihn dieser in Anspielung an seine alte Heimat auf französisch fragte: „Ich hoffe General, dass Sie das Deutsche noch nicht vergessen haben und dass man mit Ihnen in der Sprache Ihres Ex-Vaterlandes sprechen kann“. Ali Pascha bejahte dies und es folgte eine kurze Unterhaltung, aber er sprach ja auch ob seiner hugenottischen Abstammung leidlich französisch. Im Juni 1878 wurde er Mitglied der osmanischen Delegation, welche am Berliner Kongress teilnahm. Die Hohe Pforte wählte ihn seiner Herkunft wegen aus, was aber in Berlin nicht gewürdigt wurde. Im Gegenteil, Otto von Bismarck sprach von einer "Taktlosigkeit", zieh ihn lediglich „den Magdeburger“ und der gesamte deutsche Generalstab lehnte die Anwesenheit Mehmed Ali Paschas ab. Der dritte Verhandlungsführer auf deutscher Seite, Bernhard Ernst von Bülow, äußerte sich ebenfalls zu dieser Gemengelage: „Da kein waschechter Türke Lust gehabt hätte, der Abschlachtung des Osmanischen Reiches durch die Giauren beizuwohnen, hatte die Hohe Pforte als ihren Vertreter einen Türken aus Magdeburg entsandt“. Doch gab es auch andere Stimmen, die Mehmed Ali Pascha ein großes Einfühlungsvermögen attestierten.

Diesen Aufenthalt in Deutschland nutzte Mehmed Ali Pascha auch zu einem Besuch in seiner Geburtsstadt Magdeburg am 16. Julei. In Magdeburg ließ er sich fotografieren, besuchte alte Plätze seiner Jugend und die Anlagen des Herrenkrug-Parkes.

Sofort im Anschluss an den Berliner Kongress wurde Mehmed Ali Pascha ins Grenzgebiet Montenegro - Albanien geschickt, um einen Aufstand niederzuschlagen. Er war schon recht in Ungnade gefallen, logierte aber dennoch mit 45 Bediensteten in Konstantinopel. Im Alter von 50 Jahren wurde Mehmed Ali Pascha in Djakovica am 7. September 1878 von Aufständischen erschlagen. Er ließ seine Frau und seine vier Töchter beinahe mittellos zurück. Die Umstände seines Todes wurden nie ganz aufgeklärt. Verrat, Neid und Argwohn gegen den ehemaligen Giaur (Ungläubigen) sollen die Ermordung ermöglicht haben. Einer der Urenkel von Mehmed Ali Pascha gelangte ein Jahrhundert später zu Berühmtheit in der Türkei und weltweit: Der türkische Nationaldichter Nazim Hikmet. Doch auch Mehmed Ali Pascha, zeitlebens Offizier, war den schönen Künsten zugeneigt. Den Berliner Kongress unterhielt er 1878 mit seinem selbst geschriebenen Gedicht „Die Rose von Jerichow“ und den Magdeburgern ließ er eine Übersetzung aus dem Osmanischen zurück, veröffentlicht in der Magdeburgischen Zeitung:

Geliebte, wenn einst gebrochen mein Herz

Nicht mehr für dich kann schlagen

Und dunkle Zypressen epheuumrankt

Über meinem Grabe ragen,

 

So will ich liegen und warten, bis

Man auch Dich in die Erde wird legen,

Doch dann soll mein vermodert Gebein

Tief unten noch einmal sich regen.

 

Und so oft von Deinem Grabe der Wind

Wird ein wenig Erde mir bringen,

Soll von meines Herzens Asche herauf

Ganz leise ein Klagelied klingen.

 

Das Erbe des Paschas

Wie lebendig das narrative Erbe rund um den Pascha von Magdeburg unter der Bevölkerung nach wie vor ist, illustrieren nicht zuletzt einige Exponate der Ausstellung „Mohren, Türcken und Tartaren“ im Brandenburg-Preußen Museum Wustrau. Diesen Prunksäbeln und –dolchen hängt eine Legende an, die zu überprüfen nicht mehr möglich sein wird, aber schön diese lebendige Erzählung rund um den Pascha wiederspiegelt: Die Familie, die diese Prunkwaffen als Kollektion demjenigen Magdeburger Kunsthändler veräußert hat, von dem der jetzige Privatsammler sie erstanden hat[1], soll die Waffen als Teil des „Schatzes des Sultan Saladin“ angeboten haben. Womöglich im Stadtteil Cracau seien diese orientalischen Prunkstücke von Mehmed Ali Pascha bei seinem letzten Magdeburg-Aufenthalt alten Magdeburger Freunden zur Aufbewahrung anvertraut worden, wohl voraus ahnend, dass seine Zeit am Bosporus bald abgelaufen sein würde. Nur er sei dazu in der Lage gewesen, da er als Diplomat nicht auf das Außerlandesschaffen von solchen traditionsreichen Kunstgegenständen hin untersucht worden sei. Tatsächliches Alter und Provenienz der Sammlerstücke müssen allerdings erst eingehend begutachtet werden. Was vorerst bleibt, ist die Legende.
Neben diesem eher anekdotischen Erbe und den diversen Veröffentlichungen, die periodisch in lokalen Medien erscheinen, zeichnet sich vor allem eines ab: Die Figuren des Mehmed Ali Pascha und seines Nachkommen, dem Nationaldichter der Türkei, Nazim Hikmet, bieten ein faszinierendes Reservoir für Bildungs- und Interkulturprojekte. Das ICATAT knüpft hier an und bietet seit zwei Jahren das Bildungs-Programm „Der Pascha von Magdeburg“ an. Dabei handelt es sich um flexibel einsetzbare thematische Einheiten für die Erwachsenenbildung und außerschulische Jugendarbeit. Bereiche wie Namenskunde (Onomastik), Regionalgeschichte, Turkologie, und Genealogie fließen dabei in unterschiedlicher Intensität zusammen. Das Bildungsprogramm „Hanife und Ali in Brandenburg. Museum über Land“, welches diese Ausstellung begleitet, wurde basierend auf den Magdeburg-Pascha-Modulen konzipiert.


[1] Die Namen des Privatsammlers sowie des Ankäufers/Antiquars sind der Museumsleitung und dem

Autoren bekannt. Wir wurden jedoch gebeten, diese anonym zu belassen. 

 

Quelle:

Mieste Hotopp-Riecke: Ein Osmane aus Magdeburg: Mehmed Ali Pascha. In: Ausstellungskatalog "Türcken, Mohren

und Tartaren. Muslime in Brandenburg-Preußen", 2014. --> http://icatat.files.wordpress.com/2014/01/tc3bcrcken-mohren-und-tartaren.pdf