200 Jahre Napoleonkriege

  1813: Tausende Rußland-Muslime (Krimtataren, Wolga-Tataren, Kirgisen und Baschkiren), Buddhisten (Kalmüken) und andere Nichtrussen (Udmurten, Jakuten) sind über Monate in deutschen Dörfern und Städten einquartiert, so auch in Dessau, in der Börde, in der Altmark und Magdeburg. Dort waren ab Dezember 1813 sieben Bataillone Kosaken, Tataren und Baschkiren unter dem russischen General Rossy und dem preußischen General Hirschfeld fünf Monate stationiert, vor allem in Westerhüsen und Olvenstedt.
 In vielen regionalen Geschichtsbüchern, Anekdoten und Erzählungen gibt es Erwähnungen dieser fremden Soldaten. Diese sind durchaus ambivalent: Von begeistert und neugierig bis angsterfüllt und voller Stereotype. Dies trifft allerdings auch auf die Teilnehmer anderer Nationen in den kriegsteilnehmenden Armeen zu. Auch Franzosen, Schweden, Polen oder Ungarn wurden Gräueltaten oder Heldentaten zugeschrieben, je nach Konstellation der Freund-Feind-Situation. Baschkiren, Kosaken und Tataren der russischen Armee waren auf ihren Zügen gen Westen, Nordwesten und zurück für längere Zeit auch dort einquartiert.   

Friedrich Meinecke, der spätere Namensgeber des Institutes für Geschichte an der Freien Universität, zum Beispiel stammte aus Salzwedel in der Altmark, wo sein Vater Postdirektor war. Im Hause seiner Eltern waren nach der Befreiung von der Napoleonischen Besatzung Soldaten der russischen Armee einquartiert. In seinen Memoiren schreibt er amüsiert über seines Vaters Kindheit und die berittenen Tataren und Kosaken, wie sie ihn auf einem Esel reiten ließen und ihre kleinen Pferde im Flüsschen Jeetze hinterm Vaterhaus schwemmten. „Mutter darf ich mit den Kosaken mitgehen?“ fragte der kleine Friedrich senior und bekam die beiläufige Antwort, geh nur geh. Ein Butterbrot und ein Osterei gepackt, ist Friedrich dann mit den Kriegern aus dem Haus. Hätte ihn das Hausmädchen nicht etwas später eingefangen, wer weiß „was aus mir wohl geworden wäre, wenn die Kosaken mich mitgenommen hätten“ sinnierte der alte Meinecke. Die Stimmung gegenüber den Tataren war in dieser Zeit teils direkt euphorisch. Hierfür steht ein zeitgenössisches Beispiel ebenfalls aus der Heimatstadt Friedrich Meineckes: „…Es bestand dieses russische Kavalerie-Detachement aus einem Offizier und etwa zwölf bis zwanzig Mann: Tataren, Baschkiren, nur mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und einzelnen irregulären Kosaken. Man hatte so großes Vertrauen zu diesen fremden Menschen, dass Ammen und Mütter ihre säugenden Kinder diesen Gästen aufs Pferd reichten, um sie küssen zu lassen…“ , denn sie und die Kalmüken hätten wohl mehr Anstand und Benimmse an den Tag gelegt als die Russen, wenn auch der Alkoholkonsum bei allen recht hoch gewesen sei. Hierzu schreibt Waldemar Uhde, ein Mundartdichter aus der Magdeburger Börde: „Bi disse Baschkiren awer waren drei russische Landwehrlühe […] de Druschinen heiten dhaun. Weil de hallewegs Dütsch verstunden […] waren sei de willen Tatersaldaten as Dolmetscher taudeilt worden. … Man konn […] seggen, datt sick de Baschkiren anstänniger benähmen dhaten, as de sprakkunnigen Druschinen. … de drei russischen Landwehrlühe sind de Schreckgespensters vont ganze Darp west.“ (Auf Hochdeutsch: „Bei diesen Baschkiren aber waren drei russische Landwehrleute, die Druschinen genannt wurden. Weil sie halbwegs Deutsch verstanden, waren sie den wilden Tatarensoldaten als Dolmetscher zugeteilt worden. Man kann sagen, das sich die Baschkiren anständiger benahmen als die sprachkundigen Druschinen. Die drei russischen Landwehrleute waren die Schreckgespenster des ganzen Dorfes“)