Der Tatarenturm zu Magdeburg

Erstmals erwähnt wird ein Name „Taterntorm“ im Urkundenbuch der Stadt Magdeburg I aus dem Jahre 1403, S. 486-487, Nr. 821  und die Bauintention ist nach Paul (respektive Pomarius ) auf das Vordringen der Tataren nach Mitteleuropa, speziell mit der Schlacht bei Liegnitz 1241 in Verbindung zu bringen. Ein direkter Angriff der Tataren auf Magdeburg, wie er in einigen Texten herauszulesen ist, hat jedoch nie stattgefunden.

Im Zuge der Tatarenangst wurde die Stadtmauer von Magdeburg mit massiven Wohntürmen gefestigt, die nachweisliche primäre Bauphase vor Mitte bis zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts . „Erzbischof Wilbrand (1235-1253) ließ im Jahr 1241 an der Südostecke der Domfreiheit den »Tatarenturm« gegen die Einfälle der Tataren bauen.“  und „Die Mongolennot, die Rußland und Polen schmachvoll niederwarf, fand schon den deutschen Volksleib im Nordosten umgürtet und in Preußen, Schlesien und der Mark Brandenburg ein wehrhaftes Bürgertum. Dennoch war die Sorge auch entfernter Städte so groß, daß die Lübecker neben dem Burgtor an der Trave den Wall aufschütteten, die Magdeburger den starken Tartarenturm an der Elbe bauten.“ . Wie an der Schlagzeile „Turm am Dom sollte vor Tataren schützen“ (Volksstimme Magdeburg ) schon abzulesen ist – und dies gilt für den Tatarenturm von Magdeburg genauso wie für den Stadtwall von Lübeck  -  wurden diese Bauwerke im 13. Jahrhundert natürlich nicht mit Hilfe von Tataren errichtet als vielmehr aus Angst vor imaginären Tataren! Trotz gegenteiliger Überlieferung kamen echte Tataren erst im Zuge der Napoleonischen Kriege nach Magdeburg: Nun jedoch als Befreier und/oder Besatzer, denn muslimische Tataren dienten auf allen Seiten. Sowohl in der französischen, preußischen, sächsischen und russischen Armee dienten die begehrten Lanzenreiter.

 Zu den unterschiedlichen Schreibweisen Tatar, Tartar, Tatter und Tater gibt es bezüglich der Geschichte und Semantik der jeweiligen  Wörter verschiedene historische und semantische Erklärungen. Die heutigen tatarischen Völker (Krimtataren, Wolga-Tataren, Dobrudscha-Tataren, Tataren Polens und Litauens) benutzen das historisch überlieferte Ethnonym Tatar, mit einem „r“. Das zweite „r“ (das sogenannte Tartaros-r) hat mit der griechischen Mythologie zu tun: Der Tartaros war die Unterwelt, die Hölle bei den alten Griechen. Die zufällige Ähnlichkeit der Begriffe Tartaros und Tataren führte wohl zur Schreibweise Tartaren anstatt Tataren; denn kamen die wilden Reiter nicht wirklich direkt aus dem Schlund der Hölle? Außer im anglo-amerikanischen Bereich wird Tatar heute mit einem „r“ geschrieben. Das Ethnonym Tatar leitet sich ab von einem wahrscheinlich mongolischen Stammesnamen der prä-dschingisidischen Zeit und wurde wohl von einem Flußnamen adaptiert. Der Stammesname der von Dschingis Khan eroberten und vernichteten Tatar wurde als Totem von den Siegern übernommen und galt schließlich als Bezeichnung für die Mischbevölkerung der Kiptschakensteppe seit dem 13. Jahrhundert.

 

                                                                                                                                   Dr. Mieste Hotopp-Riecke

(Ausschnitt aus der Dissertationsschrift „Ikonografie der Angst. Deutsche Tatarenbilder im Wandel. Barbaren, Alliierte, Migranten“)

 

Quellen: 

Asmus, Heinrich: Leitfaden zur Lübeckischen Geschichte. Nebst einer Sammlung Legenden, Volkssagen, Märchen und kurzer Beschreibungen einiger Merkwürdigkeiten der Freien Hansestadt Lübeck. Lübeck: Selbstverlag, 1834.Menzel, Helmut: Turm am Dom sollte vor Tataren schützen: Erzbischof Wilbrand und das Magdeburger Baugeschehen. In: Magdeburger Volksstimme. Magdeburg: Magdeburger Verlags- und Druckhaus GmbH, 44, 2003, 4.

Paul, Maurizio: Wohntürme im Stadtgebiet von Magdeburg. (Darin: Der Tatarenturm am Ausgang des Remterganges in Magdeburg, Am Dom 4-5). In: (Kunz, Brigitta (Red.)) Schaufenster der Archäologie – Neues aus der archäologischen Forschung in Magdeburg. Magdeburg: Stadtplanungsamt MD, 2005, 51-54.

Titz, Heidemarie (Red.): Parkanlagen der Stadt Magdeburg I. Magdeburg: Stadtplanungsamt/Grünflächenamt, 1995.

Der Tatarenturm auf einer Zeichnung von Daniel Meisner, 1623.
Der Tatarenturm auf einer Zeichnung von Daniel Meisner, 1623.